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Montag, 14. März 2016

Sparen auf dem Jakobsweg

Pilgern kostet Geld, das liegt auf der Hand, schließlich geht es nicht um einen Tages- oder Wochenendausflug, sondern in unserem Fall um eine Strecke von 800 km, egal ob man diese in einem Stück oder lieber auf Etappen geht.

800 km von Saint-Jean-Pied de Port bis Santiago de Compostela


Fakt ist: Wer den Camino in einem Zug durchmarschiert, spart Geld bei der Anreise, je länger die Tagesetappen und je weniger Nächtigungen erforderlich sind, umso billiger kommt der Aufenthalt.

Doch nicht alle von uns sind in der Lage, mehrere Wochen am Stück Urlaub zu nehmen und nicht jeder oder jede schafft die 32 Etappen aus dem Reiseführer tatsächlich so wie beschrieben, sprich Tagespensen von durchschnittlich 25 km bergauf und bergab, über Stock und Stein, bei Regen, Schneefall oder brennender Hitze quer durch die iberische Halbinsel.

Sehr häufig wird man daher mehr als 4 oder 5 Wochen für den Camino aufwenden müssen (oder auch wollen, denn auf der Strecke liegen viele schöne Städte und die meisten wollen -  nachdem sie Santiago erreicht haben - noch bis ans Meer, nach Finisterre, weiterlaufen).

Immer dabei: Reiseführer von Michelin


Alles in allem also ein recht großes und aufwändiges Unternehmen und in diesem Zusammenhang stellt sich natürlich die Frage, wie man die Kosten halbwegs überschaubar halten kann.

Wenn wir die Hin- und Rückreise einmal beiseite lassen, so teilen sich die unterwegs anfallenden Ausgaben in 3 Bereiche:

1. Nächtigung
2. Verpflegung
3. Zusätzliche Ausgaben wie Wäsche waschen, Telefonie/Internet und Allfälliges wie Medikamente, Pflaster, Toilettartikel usw.

Nächtigung:
Am preiswertesten ist es auf jeden Fall, in einer Pilgerherberge zu nächtigen. In einigen funktioniert das auf Spendenbasis, in den meisten beläuft sich die Gebühr für die Nächtigung auf 6 - 8 €. Voraussetzung dafür, in einer öffentlichen oder kirchlichen Pilgerherberge unterzukommen, ist das Vorweisen des Pilgerpasses. Außerdem ist zu bedenken, dass die meisten Herbergen am frühen Nachmittag zwischen 13 und 14 Uhr aufsperren und dann in den traditionellen Etappenzielen oft schon zahlreiche Pilgerinnen und Pilger vor dem Tor warten. Da die Bettenkapazität teilweise nicht allzu hoch ist, ist es also wichtig, pünktlich vor Ort zu sein, denn Reservierungen werden (mit ganz wenigen Ausnahmen wie zB in Roncesvalles nicht angenommen).

Albergue de Roncesvalles

Außerdem gibt es zahlreiche private Pilgerherbergen (Preis pro Nacht ca. 10 - 12 €), Jugendherbergen, (Frühstücks-)Pensionen (ca. 20 - 30 €, aber Achtung, die meisten Zimmer werden vorreserviert, zum Teil von Reisegruppen) und Hotels verschiedener Kategorien.
Auch das Nächtigen im Zelt ist manchmal möglich (zB im Hof von Pilgerherbergen oder Pfarren), "wildes" Campieren ist in Spanien allerdings verboten und nicht ungefährlich. Die Frage ist, ob es sich unter diesen Umständen lohnt, zusätzliches Gewicht mitzunehmen.

Typischer Schlafsaal in einer Pilgerherberge

Verpflegung:
Im Gegensatz zu Pensionen und Hotels, findet man in den Pilgerherbergen zumeist mehr oder weniger gut ausgestattete Gemeinschaftsküchen. Wenn man den durchschnittlichen Preis für das abendliche Pilgermenü (ca. 10 €) hochrechnet, lohnt es sich auf jeden Fall, selbst oder noch besser zusammen mit anderen zu kochen. Lebensmittel und Zutaten erhält man in jedem Dorfladen ("tienda", im allgemeinen von 13:30 bis 17 Uhr geschlossen/Mittagspause), vieles, wie zB Essig, Öl, Salz, Pfeffer und andere Gewürze steht (da von anderen PilgerInnen zurück gelassen) in den Herbergen zur freien Entnahme zur Verfügung.


Ein Pasta- oder Reisgericht und dazu ein Salat ist schnell zubereitet, die Kosten dafür sind minimal und die Reste kann man im Kühlschrank aufbewahren und am darauffolgenden Tag in einer Plastik- oder Alu-Dose für das Mittagessen einpacken.

Kaffee ("café") ist normalerweise in Spanien sehr billig, aber auch dieser lässt sich (wenn man den in vielen Herbergen angebotenen Automatenkaffee nicht mag) morgens selbst zubereiten und in einem Thermobecher mitnehmen.

Und selbstverständlich habe ich auch meine Wasserflasche morgens immer in den Herbergen aufgefüllt. Eine weitere Möglichkeit sind die in jeder Ortschaft befindlichen öffentlichen Brunnen mit Trinkwasser ("agua potable"). Im Gegensatz zu den Berichten anderer PilgerInnen habe ich damit keine negativen Erfahrungen gemacht.

Trinkbrunnen in Zabaldika

Hatte ich nichts vom Abendessen übrig, so habe ich mir oft zu Mittag ein Stück frisches Brot oder Baguette ("pan"), Wurst ("salchicha") und Käse ("queso") sowie eine Banane und ein paar Nüsse in einem der Dorfläden auf dem Weg gekauft. Lebensmittel sind in Spanien generell billig, aber auch ein Stück Tortilla, ein Sandwich ("bocadillo"), Spiegeleier mit Pommes ("huevos con patatas") oder ein Teller Suppe kostet kaum mehr als 2 oder 3 €. Wein ("vino") und Bier ("cerveza") sind ebenfalls gut und günstig.

Manche Herbergen bieten auch Frühstück ("desayuno") an. Darauf habe ich fast immer verzichtet. Mir reichten früh morgens ein Kaffee und ein paar Kekse und ich habe zumeist am späteren Vormittag - so etwa nach den ersten 8-10 Kilometern eine ausgiebigere Jause eingelegt, die dann auch bis nachmittags anhielt.

Café con leche y agua

Bezüglich Dumpster-Möglichkeiten kann ich nichts sagen, außer, dass die Supermarkt-Dichte weitaus geringer ist als in Ö oder D und die kleinen Läden - soviel ich das beurteilen kann - ziemlich gezielt kalkulieren und einkaufen, denn die Regale waren nirgends überfüllt. Viel wird da sicher nicht entsorgtt.

Allfällige Ausgaben:
Wie schon an anderer Stelle hier in diesem Blog berichtet, ist der größte Posten neben Unterkunft und Verpflegung das Wäsche waschen, das spätestens jeden dritten Tag fällig wird. Nicht immer ist es möglich, Wäsche von Hand zu waschen und vor allem im Winter bzw. in der Übergangszeit muss man - ob man will oder nicht - in den Wäschetrockner investieren, da die Kleidung sonst nicht bis zum folgenden Morgen trocken wird. Für die Benützung von Waschmaschine + Trockner ("lavadora" + "secadora") verlangen manche Herbergen gut und gern bis zu 6 €, dazu kommt noch das Waschpulver ("jabón").

Zu diesem Zweck habe ich mir für meine nächste Camino-Wanderung ein Flüssigkonzentrat bestellt, bei dem schon wenige Tropfen für eine Maschine ausreichen. Ich werde ein wenig davon in eine dieser kleinen Fläschchen für das Handgepäck umfüllen und mitnehmen.

Waschraum, Alberge "Jesús y Maria" in Pamplona


Andere Einsparmöglichkeiten (außer gleich nach der Ankunft in der Herberge Wäsche zu waschen und diese - in der Hoffnung, dass sie bis zum nächsten Morgen trocknet - sofort aufzuhängen) sind mir bisher nicht eingefallen.


Medikamente sind in Spanien sehr billig, es lohnt sich also nicht, große Vorräte davon mitzuschleppen, sondern empfiehlt sich, bei Bedarf vor Ort in der Apotheke ("farmacia", Öffnungszeiten wie bei den Lebensmittelgeschäften ca. 09:30 bis 13:30 Uhr und 16:30 bis 20:00 ) das Benötigte zu holen.

Eine Busfahrkarte im innerstädtischen Verkehr (zB wenn man Großstädte vermeiden will) kostet ca. 1,35 €, Sportartikel/-bekleidung gibt es sehr günstig und in großer Auswahl bei Decathlon (in allen größeren Städten wie Pamplona, Logrono, Burgos, León, Santiago ...)


So weit also zum Finanziellen. Ich denke, das unterste Limit ist auch für ganz bescheidene Pilger 15 € pro Tag (Unterkunft in einer Pilgerherberge + Selbstversorgung); 20 - 25 € sind guter Durchschnitt (Pilgerherberge, Frühstück + Pilgermenü, Rest Selbstversorgung), an Waschtagen 25- 30 €. Ergibt bei 32 Etappen die immer wieder zitierten 800 €, sprich 1 €/km. "Langsamere" Pilgerinnen und Pilger benötigen logischerweise etwas mehr.

In jedem Fall würde ich zu einem gewissen finanziellen "Polster" für Tage, an denen man keinen Platz mehr in einer Herberge bekommt und auf eine Pension oder ein Hotel ausweichen muss, für Unvorhersehbares (Erkrankung, Medikamente, Austausch von kaputten Kleidungsstücken etc.) raten.
Weitere mögliche Kosten: Spanische SIM-Karte, Spenden in Kirchen, Erwerb eines zweiten Pilgerpasses, wenn der erste voll ist ...


Buen camino und hier noch etwas gute Laune zum Anhören:

Mittwoch, 17. Februar 2016

Wetterkapriolen

Auch das ist immer wieder ein Thema in Foren, die sich mit dem Jakobsweg befassen: Wie wird das Wetter im Frühling/Sommer/Herbst/Winter auf dem Camino sein? Muss ich mit Schnee rechnen? Und welche Kleidung soll ich in meinem Rucksack mitnehmen?

Ich war bisher 2 x auf dem Camino Francés unterwegs: Einmal im Frühjahr (April) und einmal im Herbst (September). Und das sind meine Erfahrungen:

Der letzte Schnee in Roncesvalles

Als ich Mitte April vergangenen Jahres in Roncesvalles ankam, lag im Hof der Pilgerherberge noch etwas Schnee, in Saint-Jean hingegen war es sonnig und fast frühsommerlich gewesen, der Weg über die Pyräneen war frei. Eine Woche zuvor hatten PilgerInnen auf Facebook allerdings noch Fotos von Schneewächten gepostet und zu warmer Kleidung geraten.

An den folgenden Tagen regnete es häufig: Mindestens 1 x pro Tag, dazwischen Sonnenschein. Die Nächte waren kühl, geheizt wurde in den Herbergen nicht.

Regenwetter in Pamplona

Mitte September hingegen war das Wetter überwiegend sommerlich, trotz vereinzelter Gewitter, die sich aber immer sehr rasch verzogen. In der Ebene brannte die Sonne richtiggehend vom Himmel herab, auf den Anhöhen war es, vor allem früh morgens kühler und angenehmer.

Ich habe daraus für meine 3. Camino-Etappe ab Mitte April folgende Erkenntnisse gewonne:

Zwiebeltechnik ist angesagt, d.h. T-Shirt, darüber Fleece-Pulli oder Jacke und zusätzlich eine Wind- oder Regenjacke. Ich werde also 3 Shirts, davon eines mit langen Ärmeln, meine Kaputzenjacke, eine weitere Fleece-Jacke und für darüber meine Funktionsjacke einpacken. Dazu meine Regenhose und eine weitere leichte Trekkinghose für die "Freizeit".

Das kuschelige, langärmelige Shirt und meine Baumwoll-Leggings haben sich als Pyjama-Ersatz in den Herbergen sowohl im Frühjahr als auch im Herbst bewährt, sind aber, wenn es wirklich kalt ist, auch ein ideales "Darunter".

Kalt und regnerisch, April 2015 in Espinal

Die Trekking-Sandalen, die ich im vergangenen Jahr zusätzlich zu meinen Wanderschuhen dabei hatte, bleiben heuer definitiv zu Hause. Wie gesagt, regnete es oft und daher nehme ich heuer für Sightseeing und Einkaufen ein paar leichte, geschlossene Sportschuhe mit.

Als Kopfbedeckung bevorzuge ich, so wie auch bei meinen Wanderungen hier daheim, eine Schirmkappe aus wasserabweisendem Material, die mich schon seit vielen Jahren treu begleitet. Dazu kommt noch ein Buff (eine Art Loop aus stretchigem Material, den man in 1 € Shops bekommt), verwendbar als Halstuch, aber vor allem auch als Haarband bei windigem Wetter.

Regenkappe, Leggings und Fleecepulli - im Frühjahr ein "Must"

Ja, und das war es eigentlich auch schon.

Weniger als 3 Garnituren bei Unterwäsche, Socken und Shirts würde ich nicht mitnehmen, denn bei hoher Luftfeuchtigkeit trocknet Wäsche schlecht und der Wäschetrockner ist teuer. Vieles - wenn nicht sogar das meiste - war am Morgen nach dem Waschtag noch feucht und ich musste es zum Trocknen mit Sicherheitsnadeln an meinem Rucksack befestigen.

Viele schwören auf Regenpellerinen/-ponchos. Ich besitze noch keine/n, denn bei meinem Rucksack ist eine Regenhülle dabei und ich habe Funktionsoberkleidung. Aber sehen wir einmal, wie das Wetter wird, man bekommt sie um ein paar Euro vor Ort.

Worauf ich allerdings nie verzichten würde, sind meine Teleskop-Wanderstöcke. Das Gelände ist insbesondere nach Regenfällen oft sehr rutschig, was bei Abstiegen auf unbefestigten Wegen nicht ungefährlich ist, und derer gibt es viele...

Jenen, die in den Sommermonaten lospilgern rate ich unbedingt zu einer Kopfbedeckung (Schirmkappe, Sonnenhut ...); oft ist man kilometerweit unterwegs und weit und breit kein Baum, sprich Schatten zu sehen. Um einem Sonnenbrand auf Schultern, Oberarmen und Decolletee vorzubeugen, hat sich auch eine leichte Baumwollbluse bewährt.

Meilenweit kein bisschen Schatten

Und im Winter Wollmütze und Handschuhe nicht vergessen. Auch in Spanien kann es (wie derzeit gerade) schneien und ziemlich kalt werden. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, dass sich das Wetter generell nicht allzu sehr von dem hier bei uns unterscheidet.

In diesem Sinne: Buen camino y Hasta la vista (vielleicht ja im April)!








Sonntag, 31. Januar 2016

Wienerwald: Pilgerwege vor der Haustür

Nördlicher Wienerwald bei der Sophienalpe

Gestern unternahm ich eine Wanderung durch den nördlichen Wienerwald bei frühlinghaften Temperaturen! Die Wege sind zwar teilweise noch rutschig und daher teilweise recht schwer begehbar (sie erinnerten mich ein wenig an den Abstieg von den Pyräneen im vergangenen Frühjahr) aber die gute Luft und die schöne Landschaft waren das allemal wert.

Außerdem fand ich etwas (zumindest für mich) sehr Überraschendes heraus: Im nördlichen Wienerwald, zwischen der "Mostalm" und der "Sophienalpe" kreuzen einander drei Pilgerwege:

Wienerwald-Verbindungsweg

Der "Wienerwald-Verbindungsweg" verbindet, wie schon sein Name sagt, Wien mit Purkersdorf. Wer auf dem Österreichischen Jakobsweg, ausgehend von Wolfsthal nach Wien kommt, kann daher - anders als hier beschrieben - anstatt mit der S-Bahn von Hütteldorf nach Purkersdorf zu fahren, auch den interessanten 6,5 km langen Fußweg über die Sophienalpe nehmen.

Internationaler Marien-Pilgerweg

Auf derselben Strecke stieß ich auch auf diese Tafel: Der zweite große internationale Pilgerweg, der hier durch den Wienerwald führt, ist der ca. 1000 km lange "Marien-Pilgerweg" I23 von Tschenstochau (Polen) über Leutschau (Slowakei) nach Mariazell.


"Via Slavorum"

Der dritte Weg, den ich hier kreuzte, war der Internationale Pilgerweg I26, die sogenannte "Via Slavorum". Dieser führt von Krakau über Brünn, Retz und Klosterneuburg nach Mariazell und von dort aus durch Kärnten, Slowenien und Norditalien bis nach Rom.

Ein Wink des Schicksals für die Zeit "nach Santiago"?


Mittwoch, 20. Januar 2016

Sprachenverwirrung auf dem Jakobsweg

Liebe Mitlerserinnen und -leser!

Auch das ist ein in Pilgerforen vieldiskutiertes Thema und ich möchte versuchen, aus meiner Sicht als Sprachwissenschaftlerin und Pilgerin darauf einzugehen. Alle meine Anmerkungen beziehen sich ausschließlich auf den Camino francés, d.h. den spanischen Jakobsweg, ausgehend von Saint-Jean.

Immer der Jakobsmuschel nach ... dann kann eigentlich nichs schief gehen

Gleich vorab: Die Hauptsprache auf dem Camino ist Englisch. Mit Italienisch, Französisch und Deutsch kommt man ebenfalls recht gut durch. Spanisch ist wünschenswert, aber nicht unbedingt erforderlich, und unterwegs eignet man sich unvermeidlich die wichtigsten Redewendungen an.

Leicht wird es trotzdem nicht. Ich spreche alle bisher erwähnten Sprachen mehr oder weniger gut und habe es dennoch als sehr anstrengend empfunden, unterwegs zwischen den verschiedenen Sprachen hin und her zu "switchen", sodass ich mich manchmal abends freiwillig in mein Bett zurückgezogen habe und nur mehr allein sein wollte.

Camino francés: Durchgehend gut beschildert

Mit Deutsch und Französisch hatte ich als zweisprachig Aufgewachsene kein Problem, auch nicht mit Italienisch, aber dann ging es schon los: Ich begann, vor allem, wenn ich müde war, viele PilgerInnen an einem Tisch saßen und sich in ihren unterschiedlichen Muttersprachen unterhielten, die Sprachen zu vermischen und ein Kauderwelsch zu sprechen, das zwar in Pilgerkreisen nicht ungewöhnlich ist, von dem ich aber trotzdem froh war, dass mir keiner meiner hiesigen Bekannten dabei zuhörte.

Und das ist wahrscheinlich auch eines unserer Hauptprobleme bezüglich des Erlernens und Anwendens von Fremdsprachen: Wir alle sind noch aus der Schule gewöhnt, immer alles "richtig" sagen zu wollen und beim kleinsten Fehler gerügt oder - noch schlimmer - vor der ganzen Klasse abgewertet zu werden. Nichts ist in Wirklichkeit jedoch kontraproduktiver als das, denn es steht einer flüssigen und angstfreien Kommunikation im Wege und verhindert, dass wir Sprache verwenden und daran "wachsen".

Cafe con leche y croissant de chocolate

Das wusste ich natürlich, hatte es anfangs allerdings verdrängt. Als ich mir dessen irgendwann plötzlich wieder bewusst wurde, wurde es auch für mich leichter. Niemand ist perfekt, nicht einmal in seiner eigenen Muttersprache, und kein Spanier wird von uns erwarten, mit ihm in perfektem Spanisch (wobei es ja nicht einmal "ein" Spanisch gibt, sondern außer dem bei uns für gewöhnlich unterrichtetem "Castellano" noch viele verschiedene Varianten wie Katalanisch, Galicisch, Aragonesisch usw. ...) zu kommunizieren. Genauso wenig ein Amerikaner, eine Franko-Kanadierin, koreanische Studentinnen oder eine italienische Gruppe von Mountainbikern.

Pilgerbüro in SJPDP - Trotz babylonischer Sprachverwirrung wurde hier noch jedem geholfen

Der einzige Tipp, den ich euch also geben kann und will, ist: Sprecht einfach drauf los - egal ob nun auf Deutsch, Englisch oder Spanisch -  hört eurem Gegenüber gut zu und nehmt es als Geschenk, wenn jemand einen Ausdruck, den ihr verwendet korrigiert.

Frühstück in Pamplona - "Verkehrssprache" auf dem Camino ist Englisch

Übrigens: Kennt ihr einen Pilger oder eine Pilgerin, der oder die mangels entsprechender Sprachkenntnisse nicht nach Santiago gekommen ist? Der gelbe Pfeil und die Jakobsmuschel haben bisher noch alle sicher an ihr Ziel gebracht.









Sonntag, 17. Januar 2016

Angst

Ab und zu sehe ich mir die Statistiken für diesen Blog an. Der meistgelesene Artikel ist unverändert der über das schreckliche Schicksal von Denise Thiem, die amerikanische Pilgerin mit chinesischen Wurzeln, die um die Osterzeit des vergangenen Jahres in der Gegend von Astorga entführt, beraubt und ermordet wurde.



Ich war zu dieser Zeit ebenfalls auf dem Camino unterwegs, allerdings auf den ersten Abschnitten zwischen Saint-Jean und Puente de la Reina, wusste nichts von dem Vorfall und pilgerte völlig unbeschwert, selbst wenn es auf einsamen Wegen durch den Wald ging und weit und breit keine anderen Pilger zu sehen waren.

Bei meiner zweiten Camino-Erfahrung im September vergangenen Jahres - kurz zuvor war der Leichnam von Denise im Garten einer einsamen Finca gefunden und ihr Mörder verhaftet worden - war es mit dieser Leichtigkeit vorbei. Ich merkte, dass ich auf menschenleeren Strecken schneller ging, auch an den verschlossenen und vergitterten Toren und Fenstern der Bauernhöfe, Stallungen, Lagerhäuser und Gehöfte, an welchen ich ab und zu auf dem Weg vorbei kam, lief ich so schnell es ging vorbei.


Ganz schlimm wurde es an zwei Tagen, als ich mich einmal aufgrund einer unklaren Beschilderung und ein andermal frühmorgens in der Finsternis verlief und vom Weg abkam. Da hatte ich richtig Angst, nicht nur davor, dass mich jemand in eine einsame Finca, irgendwo mitten in der Natur, wo keiner meie Hilferufe hören würde verschleppen würde, sondern auch vor den Autos, die mir von Zeit zu Zeit auf dem Weg entgegenkamen ...


Nun werde ich bald zu meiner dritten Teilstrecke auf dem spanischen Jakobsweg aufbrechen - das möchte ich mir auf keinen Fall nehmen lassen - und muss mir etwas einfallen lassen, damit das Pilgern so wie vor einem Jahr zu einem schönen Erlebnis und nicht zu einem angstdominierten Albtraum wird.

Die Vernunft sagt: Millionen von Pilgerinnen und Pilgern sind jährlich auf dem Jakobsweg unterwegs, das oben erwähnte Verbrechen stellt einen absoluten Einzelfall dar, ein anderer Pilger, der verstarb, hatte sich an einer gefährlichen Stelle des "Camino del Norte" ins Meer gewagt und war von der Strömung erfasst worden, bei einem weiteren, älteren Mann, der ebenfalls verschwand und seit Monaten gesucht wird, ist nicht auszuschließen, dass er einfach alle Brücken hinter sich abbrechen wollte.


Aber natürlich wissen wir alle, zum Beispiel von Flugangst, dass es gar nicht so einfach ist, Ängste durch rationale Gegenargumente zu besänftigen, ja, das ist praktisch sogar unmöglich...

Also was tun?

Als erstes habe ich mir gleich nach meiner Rückkehr eine Stirnlampe besorgt - in der Dunkelheit verlaufen werde ich mich beim nächsten Mal also sicher nicht. Zusätzlich hat meine Powerbank (ihr wisst schon, dieses kleine Gerät, mit dem man das Handy wieder aufladen kann, wenn der Akku unterwegs einmal leer wird) zusätzlich eine Taschenlampenfunktion.
Der Rucksack verfügt über eine eingebaute Trillerpfeife, die internationale Notrufnummer ist im Handy gespeichert und Trekkingstöcke mit spitzen Enden habe ich ebenfalls.


Natürlich ist mir bewusst, dass das nur Kleinigkeiten sind und dass ich - z.B. gegen mehrere Männer - trotzdem keine Chance hätte, aber ein wenig Sicherheit gibt es schon.

Weiters werde ich mit meinen Lieben zu Hause vereinbaren, dass ich mich täglich melde und - auch wenn ich allein unterwegs sein werde - sehen, dass ich andere Pilgergruppen zumindest nicht aus der Sichtweite verliere, wobei es ja auch nicht auszuschließen ist, dass ich nette Mitpilger finde, mit denen ich ein kleines oder auch ein längeres Stück des Weges gemeinsam gehe.


Und selbstverständlich werde ich achtsam sein, doch letztendlich hilft es nur, auf Gott und auf einen guten Ausgang der Reise zu vertrauen, die so viel Wunderbares zu bieten hat. Schon von daher wäre es fast eine Sünde, den Camino nicht anzutreten ...



Die Angst macht unfrei, der Glaube frei.
Die Angst lähmt, der Glaube gibt Kraft.
Die Angst macht mutlos, der Glaube ermutigt
Die Angst macht krank, der Glaube heilt.
Die Angst macht untauglich, der Glaube tauglich.
(Ralph Waldo Emerson)




Samstag, 16. Januar 2016

Ladies only: Welcher BH?


auch eine Frage aus einem Forum, in dem sich Jakobsweg-Interessierte treffen: Was für einen BH soll ich auf den Camino mitnehmen?

Das hängt sicherlich auch von der Statur der Trägerin ab, einer der wichtigsten Faktoren ist meiner Erfahrung nach jedoch das Material und damit verbunden die Waschbarkeit und, fast noch wichtiger, die Zeit, die das schöne Teil zum Trocknen benötigt.

Da man beim Pilgern so wie bei jeder anderen sportlichen Betätigung ziemlich schwitzt, muss man täglich wechseln, empfohlene Anzahl, daher 3 Stück (ebenso wie bei Slips, Socken und Shirts).

Wie schon vor kurzem hier beschrieben, ist auf dem Jakobsweg spätestens jeden dritten Tag Waschtag. Das ist im Hochsommer kein Problem, Du wäschst gleich nach Deiner Ankunft in der Herberge Deine Klamotten - entweder von Hand oder in der Maschine (Achtung: Reifen-BHs und Bikini-Oberteile sind dafür ungeeignet!) - und hängst sie anschließend zum Trocknen auf die Wäscheleine. Sofern nachts kein Gewitter kommt (das Du - müde wie Du normalerweise vom Pilgern bist - auch noch verschläfst), kannst Du davon ausgehen, dass Deine Sachen morgens um 6 trocken sind und Du sie beruhigt abnehmen, im Rucksack verstauen und weiterwandern kannst.

Im Herbst und noch viel schlimmer im Frühjahr (letztes Jahr im April verging praktisch kein Tag ohne einen Regenschauer und die Luftfeuchtigkeit war dementsprechend hoch), kann das schon ganz anders aussehen. Nicht in jeder Herberge gibt es einen Wäschetrockner (der sich übrigens auch mit 2 - 4 € pro Durchlauf finanziell ganz schön zu Buche schlägt) und manchmal wollen die Sachen nicht und nicht trocknen...

Da gibt es 2 Möglichkeiten: Du kannst die halbfeuchte Wäsche morgens mit Sicherheitsnadeln hinten am Rucksack befestigen und hoffen, dass sie unterwegs trocknet, oder du siehst dich im Voraus nach geeigneten Modellen um, die rasch trocknen.

Folgende Sport-BHs aus dem mittleren/niedrigen Preissegment habe ich bisher ausprobiert und hier sind meine Anmerkungen dazu:

Schlankstütz-Bustier von HSE24:
Mit ca. 20 € pro Stück nicht gerade billig, dafür gibt es das Teil in vielen verschiedenen modischen Farben und diversen Modellen und allen Größen von 34 - 56, dazu die passenden Slips, Panties, Leggings usw. für Damen, die alles perfekt auf einander abgestimmt haben wollen.
Material: Polyamid/Elasthan, waschbar bei 30°. Trockendauer: mittel


Primark Sport-Bustier:
mit 3 - 5 € das günstigste Modell, diverse Farben und schnitte, Standardgrößen etwa bis Cup D, dem Preis entsprechend einfacher ausgeführt als das obere Modell, dickeres Material mit dementsprechend längerer Trockenzeit. Tragekomfort aber durchaus OK.



Sport-BH "NYATHLETICS" von New Yorker:
Preis ca. 10 €, Polyamid-Elasthan, gefütterte Cups, macht daher eine schöne Figur, trocknet aber dadurch langsamer. Kein Verschluss, daher zum Anziehen (von unten oder über den Kopf?) etwas schwierig, trägt sich aber sehr angenehm. Standarddgrößen von XS/S - L/XL.



Crane Sport-BH von Aldi/Hofer:
ca. 10 €, Größen: 75 B+C, 80–85 B–D, in 2 Stärken, aus Mehrkanalfaser, daher sehr angenehmes, seidiges Tragegefühl auf der Haut. Eher kleiner geschnitten und das (schwarze) Modell mit den am Rücken gekreuzten Trägern ist recht umständlich anzuziehen, also nichts, wenn es morgens schnell gehen soll. Trocknet jedoch rascher als die oben beschriebenen Modelle.




Sport-Leicht-BH von Tchibo/Eduscho:
ca. 7 €, Tchibo-Standardgrößen, 90% Polyamid (TACTEL®), 10% Elasthan (LYCRA®), hat - im Gegensatz zu den anderen, rückwärts einen Verschluss und kann dadurch sowohl hinten als auch an den Trägern individuell an die Figur der Trägerin angepasst werden. Auch beim Aufhängen oder -legen /Trocknen ist es von Vorteil, dass er ganz geöffnet werden kann. Mein derzeitiges Lieblingsmodell.



Fortsetzung folgt bei Gelegenheit ... Ergänzungen und Kommentare sind ausdrücklich erwünscht ;-)



Mittwoch, 13. Januar 2016

Wieviel Kilometer schafft man eigentlich so in einer Stunde ...?

Diese Frage wurde heute von einem potentiellen Jakobspilger in einer Facebook-Gruppe gestellt.

Kurz nach Roncesvalles - so schön eben und befestigt bleibt der Weg leider nicht

Ich kann an dieser Stelle nur für mich sprechen und meine eigenen Erfahrungen (ich war bisher 2 x auf dem Camino unterwegs, ein Mal im April und einmal im September/Oktober) wiedergeben.

Jeder, der im Internet den Begriff "Jakobsweg" eingibt, kommt früher oder später auf die 32 oder 33 Etappen, die auch in den einschlägigen Reiseführern verwendet und beschrieben werden. Auch ich halte sie für eine gute Richtlinie, die man befolgen kann oder auch nicht.

Bodenmarkierung in Estella

Wer sich gut trainiert auf den Weg macht, über das entsprechende Schuhwerk verfügt und wem das Tragen schwerer Lasten über Stock und Stein nichts ausmacht, ist mit diesen Etappen sicher gut beraten und wird wahrscheinlich auch keine Probleme damit haben, täglich 25 - 30 km "herunterzuspulen". In der Tat hört sich das auch nicht allzu anstrengend an, wenn man davon ausgeht, dass ein Fußgänger ca. 5 km in der Stunde zurücklegt. Bei einer 30 km langen Etappe wären das dann also 6 Stunden reine Marschzeit...

Iglesia de San Román de Cirauqui, Navarra

So schön, so gut, und wer zu der oben beschriebenen Personengruppe gehört, kann nun ruhig weiterklicken - ich gehöre nicht dazu. Vor allem, was das Wandern mit allen Siebensachen in einem auch mit 8 kg für mich recht schweren Rucksack betrifft, dessen Träger oft doch recht stark auf den Schultern einschneiden und der von Stunde zu Stunde schwerer zu werden scheint, obwohl man bereits alle mitgebrachten Vorräte aufgegessen und die Wasserflasche ausgetrunken hat und der dadurch ja eigentlich leichter werden sollte.

Ein schattiges Plätzchen (Zariquiegui)

Der langen Rede/Einleitung kurzer Sinn: Der Camino ist keine Autobahn und Menschen sind keine Maschinen, das mussten (siehe Kerkeling) viele auch schon mit schmerzhaften Blasen, Knieverletzungen, Kreislaufbeschwerden und anderen unangenehmen Nebenerscheinungen des Pilgerns bezahlen.

Estella - Los Arcos

Manchmal geht es steil bergauf, dann wieder auf einer rutschigen Geröllhalde bergab, bei Regen durch den Matsch oder die Sonne brennt vom Himmel und der Weg will und will kein Ende nehmen.
Dazu kommt die jeweilige Tagesverfassung: Nicht erst seit Hape Kerkeling wissen wir, dass es Höhen und Tiefen geben kann und tatsächlich gibt und dass auch der trainierteste Sportler nach einer mehrtägigen oder -wöchentlichen Dauerbelastung einen Durchhänger haben kann.

Anstieg zum Alto del Perdón (735 m)

Viele planen daher einige Tage als "Puffer" ein. Das halte ich für gut. Ich selbst plane überhaupt nur in groben Zügen, setze mir nur kleine Ziele, die ich mit Sicherheit schaffen kann. Sollte es doch nicht der Fall sein (was allerdings noch nie eingetroffen ist), wäre es für mich auch nicht schlimm; komme ich weiter, als ich ursprünglich vor hatte, freue ich mich.
 
Frühling in Navarra: Abstieg nach Pamplona

Es geht mir aber nicht nur um Fitness und Kondition. Ich möchte mir unterwegs die Freiheit nehmen, dort einzukehren, wo es mir gefällt, die Kirche anzuschauen, die mich interessiert (und die, wenn ich Glück habe, auch gerade geöffnet ist), auf einer Bank in der Sonne (oder auch im Schatten) zu sitzen und mich mit Leuten zu unterhalten, wenn mir danach ist, stehen zu bleiben und Fotos zu machen oder einfach einmal unter einem Baum auszuruhen.

Lichtblick nach Kilometern bei brütender Hitze: Imbissstand "La Flecha amarilla"

Das bedeutet für mich, den Weg wirklich mit allen Sinnen zu gehen (um mit Goethe zu sprechen: "Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.", und mit "zu Fuß" meine ich zu gehen anstatt zu laufen und dabei die Augen offen zu halten und die wunderbare Landschaft und Architektur zu genießen).

Gewitterwolken (Puente de la Reina)

"Die hat ja leicht reden..." mag jetzt so manch einer (sicherlich zu Recht) denken: Ja, eilig habe ich es nun wirklich nicht, die Compostela bekomme ich, egal ob ich nun 4, 8, 12 Wochen oder auch einige Jahre dafür brauche und so kann ich den Weg völlig entspannt in kleinen oder größeren Stücken gehen.

Doch das muss jeder oder jede so halten, wie er oder sie mag. 3 - 5 km pro Stunde halte ich auf jeden Fall für realistisch, 20 - 25 km am Tag für durchaus zu bewältigen, selbst ohne vorausgehendes Training und in höherem Alter. Wer jedoch öfters zwischendurch eine Pause einlegt, sollte bedenken, dass die meisten Pilgerherbergen gegen 13:30 Uhr aufsperren und dann möglicherweise bereits eine längere Schlange von Pilgerinnen und Pilgern auf Einlass wartet und die Kapazitäten rasch erreicht sind.

Warten auf Einlass (Albergue de Navarrete)

Nicht nur aus diesem Grund kann es durchaus sinnvoll sein, zwecks Nächtigung kleinere und weniger bekannte d.h. auch weniger überlaufene Ortschaften auszuwählen. Ich habe es jedenfalls noch nie bereut und auf diese Art wunderschöne Plätze kennen gelernt, die andere möglicherweise auf der Route links liegen lassen oder höchstens für einen schnellen Imbiss oder zum Auffüllen der Wasserflasche in Betracht ziehen.


Ultreja/Immer weiter! (vor Ventosa)
 
So hat jeder seine Prioritäten und jeder geht seinen eigenen Camino und das ist gut so ... vielleicht ist ja gerade das das Faszinierende an der Sache...